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Kommentare, Analysen und Beobachtungen zum Thema Public Affairs.
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Wohin geht die CDU?Nikolaus Huss
Lobbying ist Teil unserer Freiheit: Ja zu einem Rahmen, nein zu VerbotenAndreas Kovar
Auf dem Weg zur Cyberdemokratie?Martin Säckl und Bartłomiej Jesionkiewic
Die Schweiz und das liebe Geld: Transparenz bei Parlamentarier-Einkünften wird salonfähigAndreas Hugi
Von Lobbyisten „umzingelte“ - Politik denkt nicht an die FreiheitsrechteAndreas Kovar
Gemeinsames Transparenzregister von Parlament und KommissionMartin Säckl, Ulrike Kieper
NATO gewinnt Propaganda-Krieg gegen GaddafiThomas Zimmerling
Wir sind keine Systemfeinde – es ist das System, das uns anfeindetMarkus Knöfler
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16.11.2011

Wohin geht die CDU?
Nikolaus Huss
 
Der Bericht zum CDU-Parteitag in der Berliner Zeitung vom 15.11. ist das Beste, was ich bisher über die CDU gelesen habe. Wahrnehmungstark, selbstbewußt und abseits aller klassischen Klischees über Merkel und die CDU. Was drin steht?
 
1) Angela Merkel kann reden und rhetorisch führen. Man muss es in Ruhe wahrnehmen und auf sich wirken lassen. Angela Merkel hat eine ganz alltagstaugliche Sprache, die die Menschen, und auch Delegierte sind Menschen, in ihren Wahrnehmungen abholt und mitnimmt.
 
2) Angela Merkel hat ein großes Verdienst. Das hat sie jetzt radikal in einer Rede und in einer Parteitagsinszenierung umgesetzt. Angela Merkel hat die CDU wirklichkeitsfähig gemacht. In einem atemberaubenden Tempo. Kein Berater der Welt würde so etwas raten. In dieser Hinsicht ist sie eine echte Revolutionärin (wir wissen aber nicht, ob sie das bewußt oder unbewußt gemacht hat).
 
3) Das Führungsprinzip der CDU ist weiterhin ein patriarchales. Es geht nicht um Streit und Kontroversen, sondern es geht um Gemeinsamkeit, Zusammenstehen. Das matriarchale Patriarchat, das Angela Merkel auf diesem Parteitag inszeniert hat, greift. Es macht der Partei die Dramatik der Lage deutlich, verschafft Merkel Spielraum und die Möglichkeit, europäisch und international mit Rückendeckung zu agieren. Und dabei als Person öffentliche Form zu gewinnen.
 
4) Angela Merkel verwendet zwar falsche Begriffe (Werte als Kompass), aber das macht nichts. Sie fasst die Herausforderungen der Welt ins Auge, thematisiert die notwendigen Veränderungen, vor denen Europa und der Westen steht und inszeniert sich als (selbst)bewusste, unerschrockene Führerin in dieser Situation. Unauffällig, nicht nach Befall heischend, den Blick auf das Kommende gerichtet. Wer die Dankesrede von Helmut Schmidt bei der Bambiverleihung gesehen hat, weiß, wovon die Rede ist: Die protestantische Ethik des Staatsdieners, dieses Bild hat sich Angela Merkel mal schnell ausgeliehen.
 
5) Dagegen fallen die beiden medial inszenierten Kronprinzen ab. Von der Leyen und Norbert Röttgen sind lautstark, um Profilierung bemüht, rasend bemühte An- und Aufreger, alleine, was sie vergessen haben: Das schätzt die CDU nicht. Deshalb ist die Beobachtung der Berliner Zeitung richtig, dass De Maiziere der echte Kronprinz ist. Geräuschlos, professionell, erfahren, verlässlich. Führung als Haltung. Und nicht Führung durch Inhalte. De Maizere ist der Appell an die konservativen Instinkte, nicht den Intellekt.
 
6) Ob jetzt der Kronprinz der Nachfolger wird, das kann weder die CDU noch sonst wer entscheiden. Bei Lichte betrachtet stehen Europa und der Welt stürmische Zeiten ins Haus. Ob die FDP dadurch aus der Regierung geblasen wird, kann sein, muss aber nicht. Ob Angela Merkel und wie lange, als Steuermann an Bord bleibt, niemand weiß es. Röttgen würde zu Schwarzgrün, von der Leyen zu Schwarzrot, de Maiziere zu beidem passen. Aber niemand weiß, wann der Stabwechsel stattfinden wird.
 
7) Jetzt, wo man das Führungsprinzip der CDU so im gleißenden Scheinwerferlicht sieht, müsste die Soziologie der Macht in der deutschen Gesellschaft neu geschrieben werden. Demokratie ist nicht der intellektuelle Streit um die besten Konzepte, Demokratie in Deutschland im angehenden 21. Jahrhundert, das ist die Frage, wer das richtige Rezept findet, Vertrauen einzusammeln. Die CDU macht das durch gefühlte Führung, hoch emotional, die SPD intellektuell, durch scheinbar klare Konzepte (die Partei der Moderne), die Grünen durch einen sich selbst ver(un)gewissernden Frage- und Antwortmodus. Reflexive Weltvergewisserung, gut passend für eine Partei der Postmoderne.
 
Posted in Paradigma, Politik
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10.11.2011

Lobbying ist Teil unserer Freiheit: Ja zu einem Rahmen, nein zu Verboten
Andreas Kovar

Nach der Affäre um den österreichischen MdEP Ernst Strasser sah die Regierung in Wien Handlungsbedarf: Sie hat nun seit Monaten ein Lobbying- und Interessenvertretergesetz vorbereitet, das 2012 in Kraft treten soll.

Das ist positiv – schließlich gibt es auch für andere Berufe ein gesetzliches Korsett, das unter anderem dazu dient, Vertrauen in die Kompetenz etwa von Anwälten oder Ärzten zu schaffen. Das geplante Verzeichnis, in das sich alle Interessenvertreter inklusive Kammern einzutragen haben, ist also ein wichtiger Schritt: Diese Transparenz kann Misstrauen gegen die politische Mitwirkung von Unternehmen, Verbänden und Vereinen abbauen helfen. Professionelle Lobbying-Agenturen können auch mit den weiteren Bestimmungen des Gesetzes gut leben.

Trotzdem gibt es einige Aspekte, die bedenklich stimmen. Die Regierungsparteien SPÖ und ÖVP wollen mit dem Gesetz, so hieß es mehrmals, „Lobbying und Korruption“ zurückdrängen. Diese Gleichsetzung ist demokratiepolitisch ein schwerer Fehler. Ernst Strasser wird der Korruption verdächtigt: Ein Parlamentarier darf sich nicht dafür bezahlen lassen, Einfluss auf Gesetze zu nehmen. Egal, ob es ein Lobbying-Gesetz gibt oder nicht. Korruption ist schon jetzt ein strafrechtlicher Tatbestand – bei dessen Bekämpfung Österreich ziemlich nachlässig ist. Das stellen unabhängige Organisationen wie die OECD und Transparency International immer wieder fest.

Lobbying, vom Englischen ins Deutsche übersetzt nichts anderes als Interessenvertretung, ist die Partizipation an demokratischen Entscheidungsfindungsprozessen, die auf der Versammlungsfreiheit und dem Petitionsrecht fußt. Diese Rechte sind im 19. Jahrhundert erstritten worden und seither durch das österreichische Staatsgrundgesetz geschützt. Demokratische Parteien zeichnet aus, dass sie solche Freiheiten verteidigen statt sie zurückzudrängen. Mittlerweile sind diese Freiheiten in Österreich so selbstverständlich, dass ihre Bedeutung unterschätzt wird. In Syrien oder Libyen etwa wird das Recht, politische Interessen vertreten zu dürfen, um einen hohen Blutzoll erkämpft. Während an vielen Orten Menschen beträchtliche Risken eingehen, um Politik selbst in die Hand nehmen zu dürfen, wird bei uns die politische Partizipation der Wirtschaft abwertend als „Lobbying“ gebrandmarkt; engagierte Leute sind „Wutbürger“. Es ist unklug, wenn sich die Zivilgesellschaft und die Medien an diesem Kesseltreiben beteiligen und den jeweils anderen aus ideologischer Verblendung oder taktischen Gründen das Recht zur Partizipation absprechen.

Vom Allgemeinen nun zu einer Besonderheit des Gesetzesentwurfs, nämlich der darin getroffenen Unterscheidung von Lobbyisten in vier verschiedene Kategorien. Demnach gibt es Angestellte von Interessenvertretungsunternehmen (Agenturen), Unternehmensmitarbeiter, die für ihren Arbeitgeber Lobbying betreiben, weiters die gesetzlichen Interessenvertretungen (Kammern, Gewerkschaften…) und schließlich Interessenverbände, zu denen z.B. die NGOs gehören. Je nach Kategorie müssen die Interessenvertreter unterschiedlich genaue Angaben darüber machen, für wen sie arbeiten, was Gegenstand ihres Lobbyings ist oder wie groß der Auftrag ist.

Das wird sich in der Praxis nicht bewähren. Denn oft ist nicht klar unterscheidbar, in welche Kategorie ein Interessenvertreter nun fällt. Einfach ist es für eine Agentur wie Kovar & Köppl; sie ist ein Lobbying-Beratungsunternehmen. Aber auch viele Berater, die sich selbst nie dazu zählen würden, fallen in die Kategorie der externen Lobbyisten: Gutachter oder Experten etwa.

Auch NGOs, die im Zusammenhang mit Sponsorenverträgen als Gutachter an spezifischen Fragestellungen arbeiten und etwa die Ergebnisse einer Studie gegenüber Funktionsträgern kommunizieren, werden als Lobbyisten einzustufen sein. Da manche NGOs über so viel Kompetenz verfügen, dass sie regelmäßig mit Gutachten beauftragt werden, laufen sie Gefahr, die strengsten Auflagen des Gesetzes erfüllen zu müssen, sobald sie ihre Forschungsergebnisse einem Politiker direkt mitteilen.

Die Abgrenzung zwischen den anderen Kategorien, vor allem zwischen Interessensverbänden und Unternehmen, die Unternehmenslobbyisten beschäftigen, wird auch nicht leichter sein. Die Pflichten unterscheiden sich jedoch gravierend, und Fehler bei der Zuordnung zu einer Gruppe ziehen Sanktionen nach sich.

Dabei gibt es zwischen der Kategorie eines Interessenvertreters und dem wünschenswerten bzw. nötigen Ausmaß an Transparenz über seine Tätigkeit gar keinen zwingenden Zusammenhang. Bei keiner einzigen Organisationsform sind die politischen Zielsetzungen, der Auftraggeber, dessen Interessen oder die Finanzierung der Interessenvertretung prinzipiell offensichtlich. Warum aber sollen dann unterschiedlich genaue Angaben gemacht werden müssen?

Viel einfacher – und auch verfassungsrechtlich unbedenklich! – wäre eine andere Lösung. Der Gesetzesentwurf nennt bereits einige „Prinzipien“ der Lobbying-Tätigkeit, zu denen weitere hinzugefügt werden sollten. Statt der Vorschrift, Kunden in ein Register einzutragen, sollten alle Lobbyisten, Unternehmenslobbyisten und Interessenvertreter verpflichtet werden, erstens keine falschen Angaben zur Identität und den Interessen ihrer Auftraggeber zu machen und zweitens die Existenz eines Auftraggebers nicht zu leugnen. Mit diesen Regeln, die Interessenvertreter gegenüber ihren politischen Ansprechpartnern einzuhalten hätten, würden alle Lobbyisten gleichermaßen erfasst. Will jemand seinen Auftraggeber nicht nennen, kann der Politiker oder Beamte ein Gespräch ja auch ablehnen.

Das Lobbying- und Interessenvertretergesetz wird hoffentlich dazu beitragen, dass sich die Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft und Politik weiterentwickelt. Denn dafür, dass politische Prozesse nicht von der Gesellschaft abgekoppelt ablaufen sollen, sprechen auch ganz praktische Gründe: Entscheidungen werden besser, je mehr Erfahrungen und Ideen eingebracht werden. Es ist also nicht im öffentlichen Interesse, die politischen Mitwirkungsrechte von Organisationen bzw. Personen einzuschränken
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09.11.2011

Auf dem Weg zur Cyberdemokratie?

Martin Säckl und Bartłomiej Jesionkiewic

Als Anfang der 1990er das World Wide Web öffentlich zugänglich gemacht wurde, tummelten sich dort zunächst nur Wissenschaftler und Technik-Geeks. Erst zögerlich folgten ihnen die Unternehmen, die oft feststellen mussten, dass hoch begehrte Seiten mit den Namen der größten Unternehmen der Welt schon vergeben waren und erst teuer gekauft werden mussten. Erst an letzter Stelle entdeckte auch die Politik die Möglichkeiten des neuen Mediums. Langsam wurde von Parteien eine Webpräsenz etabliert, gefolgt von Ämtern und Behörden. Seitdem Anfang der 2000er unter dem Schlagwort Web2.0 die vermeintlich zweite Phase des weltweiten Netzes eingeläutet wurde, wiederholt sich jetzt dieser Trend auch im Bereich der sozialen Netzwerke.

Ein Blick auf die Webpräsenz der Europäischen Kommission ist ernüchternd. In José Manuel Barrosos Team haben nur vier Kommissare ein eigenes Facebook-Konto. Noch schlimmer sieht es bei den ständigen Vertretungen aus. Nach eigener Recherche hat von den 27 Staaten der Europäischen Union nur Malta einen Account bei der weltweiten Nummer 1 der virtuellen sozialen Netzwerke. Von den übrigen 26 Vertretungen haben zwei noch nicht einmal eine Internetseite und die existierenden Seiten sind oft wenig informative Platzhalter, die meist nur an die eigene Bevölkerung gerichtet sind. Oder wie soll man es sonst interpretieren, wenn es die Seite nur in der eigenen Sprache gibt?

Doch dieser Eindruck trügt. Schaut man sich die EU-Parlamentarier an, so ergibt sich ein ganz anderes Bild. Eine Stichprobe ergab, dass immerhin knapp jeder Vierte ein Konto bei Facebook oder einer anderen Plattform hat. Viele haben auch eigene Internetseiten.

Jetzt könnte man bei einem knappen Viertel trotzdem meinen, dass die kybernetische Revolution noch weit entfernt ist. Andere Phänomene machen aber deutlich, dass das Internet auch in der Politik schon viel verändert hat. So mag zwar nur eine Minderheit der MEPs eigene Internetseiten haben, aber sie sind alle auf der Facebook-Seite des Europäischen Parlaments aufgeführt. Das Parlament hat nämlich sehr wohl ein eigenes Konto und dieses ist auch umfangreich ausgebaut.

Transparenz

Wie lange hätte es noch vor zehn Jahren gedauert, alle Namen der Abgeordneten ausfindig zu machen? Wie schwer wäre es gewesen ihre Kontaktdaten zu finden? Unzweifelhaft hat das WWW den Zugang zu Daten extrem vereinfacht. Doch die Möglichkeit, schnell Informationen zu finden stellt nur einen Vorteil des aktuellen Internets dar. Die besondere Qualität von Web2.0 ist die extrem einfache Etablierung einer Zwei-Wege-Kommunikation.

Wenn in den 1990er Jahren ein Politiker in einer Fernsehsendung für Telefonanfragen zur Verfügung stand, war dies ein Ereignis. Ein Bewohner des politischen Pantheons war für Normalsterbliche persönlich erreichbar! Heute setzt Diana Wallis, Vize-Präsidentin des Europäischen Parlaments, über dessen Facebookportal einfach selbst eine öffentliche Diskussion an (Immer noch einsehbar unter: http://www.facebook.com/europeanparliament). Am 21. September rechtfertigte sie eine dreiviertel Stunde lang im Live-Chat den neuen Verhaltenskodex für EU-Abgeordnete – nach dem Skandal um drei mutmaßlich korrupte Parlamentarier (Stichwort Ernst Strasser) ein heißes Thema. Nutzer aus der ganzen EU stellten insgesamt 148 Fragen, über manchmal hunderte von Kilometern hinweg kamen immerhin 38 Antworten zurück – alles in Echtzeit.

Hier liegt die Besonderheit der neuen Kommunikationsformen im Internet: Nicht nur der Bürger kann leicht Informationen über seine Politiker herausfinden, auch Politiker können mit minimalem Einsatz mit dem Bürger in Kontakt treten. Nicht jeder tut das, aber immer öfter werden sie es tun müssen.

Druck von Unten

Im festländischen Europa fehlt es an einer Tradition des direkten Kontakts mit den Parlamentariern. Anders als in den Ländern angelsächsischer Tradition gibt es die Kategorie „mein Abgeordneter“ nicht. Der Bürger kennt oft noch nicht einmal die Person, die über seinen Wahlkreis – oft über eine Liste – zum Parlamentarier geworden ist. Kennt er ihn doch, so bedeutet das keinesfalls, dass er sich an diesen mit Forderungen und Beschwerden richtet. In den USA ist das selbstverständlich.

Doch wo Bürger leichten Zugang zum gewählten Politiker haben, dort wird letzterem auch viel mehr auf die Finger geschaut. Abstimmungsverhalten, Sitzungspräsenz, Mitarbeit in Ausschüssen; alles kann und wird beobachtet und veröffentlicht. So entsteht Rechtfertigungsdruck.

Die oben genannte Facebook-Diskussion zum Verhaltenskodex macht es deutlich: Die Europäische Union fühlt ohnehin, dass sie ihre Existenzberechtigung nachweisen muss. Politiker aus den Nationalstaaten wälzen gerne die Verantwortung für Probleme und Schwierigkeiten auf die EU ab und die Medien greifen solche Vorwürfe begierig auf. Die Union gilt vielen Bürgern als entrückte, regulierungswütige Maschinerie und Brüssel als verfilztes Lobbyisten-Gomorrha.

Da ist ein Skandal wie im Fall Strasser so ziemlich das schlimmste denkbare PR-Desaster.

Einen Zusammenbruch der politischen Landschaft und eine radikale Neuordnung der Europäischen Union wie sie in Italien nach Tangentopoli eingetreten ist, sieht in Brüssel niemand. Trotzdem zeigt die prompte Reaktion des Europäischen Parlaments mit der Einführung eines neuen Code of Conduct, dass einer weiteren Verschlechterung des öffentlichen Bildes der EU entgegen gewirkt werden soll.

Da bekommt auch der Umstand, dass so ein Verhaltenskodex nicht bloß veröffentlicht, sondern im unmittelbaren Austausch mit dem Bürger diskutiert wird, eine größere Bedeutung.

Quo vadis?

In Zukunft ist wohl auf allen politischen Ebenen mit einer Ausweitung der netzbasierten Zwei-Wege-Kommunikation zu rechnen. Zurzeit sind es nur einige Politiker, die den direkten Zugang zum Bürger suchen, um ihre persönliche Popularität zu steigern. Doch ähnlich wie bei der Internetpräsenz von Unternehmen im traditionellen Internet wird irgendwann kein ernst zu nehmender Politiker umhin kommen, sich mittels der sozialen Netzwerke dem Bürger zu stellen. In Konkurrenz zu Kollegen, die das neue Medium bereits für sich nutzen, werden traditionellere Politiker nämlich schlicht weniger Wähler erreichen können.

Angesichts von Listenwahlen in vielen Ländern wird dies nicht unbedingt alle Kandidaten dazu motivieren, einen individuellen Kontakt zur Bevölkerung herzustellen. Doch allein der Umstand, dass einige Politiker dies bereits tun, führt zu einer Mentalitätsveränderung. Selbst der Listenkandidat, der sonst keine eigenen Versuche gemacht hat, an Bekanntheit und Zustimmung zu gewinnen, wird im Internet durchleuchtet. In immer mehr Blogs und Themenseiten wird über die Tätigkeiten von Abgeordneten Buch geführt. Neben Seiten, die die Politik generell unter die Lupe nehmen (wie german-foreign-policy.com) gibt es auch Portale, die sich ausschließlich damit beschäftigen, die (Un)Tätigkeit von Mandatsträgern nachzuverfolgen (wie abgeordnetenwatch.de). Österreich zieht mit, und so soll bereits im Oktober diesen Jahres das Portal meineabgeordneten.at aktiv werden. Am Netz ist es bereits. So wird dank der elektronischen Kommunikationsmittel so mancher vielbeschäftigter Bürger trotzdem zum virtuellen Dauerzuschauer im Sitzungssaal.

Doch nicht nur das Abstimmverhalten wird – generell oder bezogen auf ein konkretes Gesetzesvorhaben, wie bei hatmeinabgeordneterfuernetzsperrengestimmt.de – registriert. Auch Nebenerwerbe und Beteiligungen an Unternehmen werden gerne erforscht und kund getan. Manchen Politikern ist es zu viel, wenn ihre Tätigkeiten genau offengelegt werden. So berichtet Abgeordnetenwatch von mehreren forschen, manchmal regelrecht wütenden Forderungen der Abgeordneten, ihre Daten zu entfernen.

Diese intensivierte Beobachtung via Internet bleibt nicht ohne Folgen. Die Politik reagiert immer öfter, indem sie sich über das gleiche Medium an die Bürger richtet und diese aktiv informiert. Spätestens seitdem der Erfolg von Barak Obama nicht bloß mit der effektiven Nutzung des Internets im Präsidentschaftswahlkampf verbunden wird, sondern spezifisch mit der Etablierung des Kontakts mit den Bürgern, suchen Parteien wie einzelne Politiker das virtuelle Gespräch mit den Wählern.

Ein noch deutlicheres Zeichen dafür, dass der virtuell zuschauende Bürger auch verstärkt Druck auf die Politik ausübt, ist die immer häufigere Einbindung in Entscheidungsprozesse. So gibt es z.B. in Deutschland bereits über 30 Städte, die ihre Haushaltsplanung zur Diskussion stellen (buergerhaushalt.org). Anderenorts wird medial über die Neugestaltung eines öffentlichen Platzes diskutiert oder über konkrete Sparvorhaben abgestimmt, wie beim Projekt solingen-spart.de.

Noch ist die Tendenz jung, aber sie ist bisher auch ungebrochen. Die Entscheidungsträger haben ein Interesse daran, einen nachträglichen medialen Aufschrei zu verhindern. Es ist daher damit zu rechnen, dass immer öfter die Bevölkerung schon im Vorhinein am Entscheidungsprozess beteiligt wird. Dies gilt vor allem in Zeiten knapper Kassen, die praktisch alle politischen Ebenen zu unangenehmen Sparmaßnahmen zwingen. Durch diese Einbindung bildet sich wiederum eine neue Art von mündigem Bürger, der neben Repräsentation auch Partizipation fordert.

Natürlich hängt diese Entwicklung stark davon ab, welcher Anteil der Bevölkerung überhaupt die neuen Medien nutzt und wie viele sich in der Politik engagieren wollen. Doch zumindest auf absehbare Zeit ist mit einer Ausweitung von Transparenz und virtueller Beteiligung zu rechnen. Ob dies zu basisdemokratisch geprägten, kybernetischen Wahlsystemen führen wird, ist eine andere Frage.

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27.06.2011

Gemeinsames Transparenzregister von Parlament und Kommission
Martin Säckl und Ulrike Kieper

Am 11. Mai verabschiedete das Europäische Parlament in Straßburg ein gemeinsames Transparenzregister mit der Kommission. Im Juni wurde es online gestellt und ersetzt nun auch das Transparenzregister der Kommission. Das neue Register sieht, ähnlich wie das bisherige, eine Registrierung auf freiwilliger Basis vor. Allerdings müssen sich Lobbyisten nun registrieren, wenn sie weiterhin freien Zugang zum Parlament haben wollen. Lobbyisten, die dies nicht tun, erhalten keinen permanenten Zugangspass mehr und müssen sich für jeden Besuch im Parlament individuell anmelden.

Wer sich im neuen Register anmeldet, muss unter anderem Angaben zur Person, zum Budget und zu Kontakten mit Gesprächspartnern in den Institutionen machen. Anders als bisher können sich nun auch Einzelpersonen registrieren. Bei Falschangaben droht ein Ausschluss aus dem Register für maximal zwei Jahre.

Die neuen Regelungen, im Parlament mehrheitlich verabschiedet, würden „maximale Offenheit“ garantieren, so der Vizepräsident des Parlaments Rainer Wieland (EVP/CDU) und nach Gerald Häfner (Grüne/EFA) „dem Missbrauch von Macht durch Lobbyisten und willfährige Politiker einen Riegel vorschieben“.

Kritische Stimmen bemängeln allerdings, dass ein eingeschränkter Zugang zum Parlament noch lange nicht das Ende einflussreicher Lobbyisten bedeute. So würden sich diese Lobbyisten „nicht in der Parlamentskantine mit Abgeordneten treffen, sondern laden in Spitzenrestaurants außerhalb der Institution ein“, wie es der unabhängige EU-Abegeordnete Martin Ehrenhauser formuliert. Als problematisch gilt auch, dass die Lobbyarbeit des Rates, der sich bisher aus den Verhandlungen heraus gehalten hatte, nicht durch das Register erfasst wird.

Offen bleibt außerdem, wer die Registereinträge, die mit den neuen Regelungen rapide anzusteigen drohen, eigentlich überprüft und eventuellen Missbrauch meldet. Die Kommission hatte dies bisher Organisationen der Zivilgesellschaft überlassen, welche damit allerdings zunehmend überfordert sein dürften.
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Von Lobbyisten „umzingelte“ - Politik denkt nicht an die Freiheitsrechte
Andreas Kovar

In mittlerweile periodischen Abständen deckt die eine oder andere österreichische Zeitung Fälle von Verdacht auf Lobbying auf. Es fragt sich nur, was das bedeutet: Hat da schon wieder jemand versucht, seine politischen Interessen zu äußern oder vielleicht sogar durchzusetzen? War dieser Jemand etwa nicht in einer Partei oder Gewerkschaft organisiert? War es vielleicht ein Manager oder vielleicht sogar, Gott bewahre, ein Unternehmer? Oder handelt es sich um einen Abgeordneten, der seine Meinung klar geäußert hat, vielleicht sogar sein Interpellationsrecht gegenüber den Regierenden ausgeübt hat? Kurz gesagt, hat sich da schon wieder einer für ein Anliegen der Zivilgesellschaft oder einer Branche engagiert und muss deshalb mit dem medialen "Lobbying-Verdacht" leben?

Als Reaktion darauf hat die Regierung dem Lobbying – und zwar nach gut österreichischer Art dem Lobbying außerhalb der verfassungsgesetzlich vorgesehenen Pressure-Groups – den Kampf angesagt. Die offizielle Linie lautet, man wolle „Lobbying und Korruption“ zurückdrängen.

Die Gleichsetzung von „Lobbying“ und „Korruption“ ist demokratiepolitisch jedoch ein schwerer Fehler. Korruption ist ein strafrechtlicher Tatbestand, bei dessen Bekämpfung Österreich u.a. von der OECD und Transparency International als extrem nachlässig kritisiert wird.

Lobbying, vom Englischen ins Deutsche übersetzt nichts anderes als Interessenvertretung, ist die Partizipation an demokratischen Entscheidungsfindungsprozessen, die auf den bürgerlichen Freiheiten der Versammlungsfreiheit und dem Petitionsrecht fußt. Diese sind in Österreich im 19. Jahrhundert erstritten worden. Seither sind sie durch das Staatsgrundgesetz geschützt. Demokratische Parteien zeichnet aus, dass sie solche Freiheiten verteidigen. Es ist ein Merkmal totalitärer Regime, sie zurückzudrängen.

Diese Freiheiten sind mittlerweile so selbstverständlich, dass ihre Bedeutung unterschätzt wird. In Nordafrika etwa wird das Recht, politische Interessen vertreten zu dürfen, in diesen Tagen um einen hohen Blutzoll erkämpft. Während an vielen Orten Menschen beträchtliche Risken eingehen, um Politik selbst in die Hand nehmen zu dürfen, wird bei uns die politische Partizipation der Wirtschaft abwertend als „Lobbying“ gebrandmarkt; engagierte Leute sind „Wutbürger“.

Es ist unklug, wenn sich die Zivilgesellschaft und die Medien an diesem Kesseltreiben beteiligen und den jeweils anderen aus ideologischer Verblendung oder taktischen Gründen das Recht zur Partizipation absprechen. Wer kein Argument mehr hat, greift halt zum Totschlag-Begriff „Lobbyist“ oder „Wutbürger“.

Zuletzt eine Klarstellung: Auch Kommentare wie dieser stellen einen Versuch dar, politisch und gesellschaftlich Einfluss zu nehmen. Also gilt auch für den Autor und für jeden Leitartikler der Lobbying-Verdacht – und keine Unschuldsvermutung.
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Die Schweiz und das liebe Geld:  Transparenz bei Parlamentarier-Einkünften wird salonfähig
Andreas Hugi

Vorgeschichte: Im April dieses Jahres lehnte die grosse Kammer des schweizerischen Parlamentes im Stimmenverhältnis 2:1 einen Vorstoss ab, dass künftig alle beruflichen und nicht-beruflichen Einkünfte der Parlamentarier offen zu legen seien. Gemeint waren damit nicht Taggelder und Spesen, sondern die Einkünfte aus den angestammten Berufen der Parlamentarier, die ja im Milizsystem tätig (also keine Berufspolitiker) sind. Während das linke Lager geschlossen für eine Offenlegung stimmte, votierte der konservative Block mehrheitlich mit Nein.

Darauf wurde eine Verfassungs-Initiative lanciert, welche jeden Abgeordneten verpflichten will, seine beruflichen Tätigkeiten sowie seine in Zusammenhang mit dem Mandat stehenden Nebeneinkünfte und erhaltenen Geschenke nach Geldwert und Herkunft offen zu legen. Diese Angaben sollen in einem öffentlichen Register publiziert werden.

Ist die Offenlegung der Interessenbindungen (Funktionen in Firmen, Vereinsvorständen und Aufsichtsräten) für Schweizer Abgeordnete seit Jahren akzeptierter Standard, so greift der Ruf nach transparenten Einkünften doch tief in das Selbstverständnis der in der Regel berufstätigen Miliz-Parlamentarier in der Schweiz ein. Zudem werden hier nationale Tabus angetastet – der diskrete Schweizer spricht nur sehr ungern über Geld und übers eigene schon gar nicht.

Interessant dabei ist: Diese Verfassungsinitiative wurde nicht von einer Linkspartei oder einer Transparenz-NGO lanciert, sondern vom umtriebigen Jung-Star der konservativen Schweizerischen Volkspartei SVP, dem Ostschweizer Abgeordneten Lukas Reimann. Reimann begründete in den Medien die Lancierung seiner Initiative mit der anscheinend zunehmenden Einflussnahme auf die Abgeordneten: «Viele Vorstöße der Parlamentarier werden direkt von Lobbyisten geschrieben.» Reimann wittert Bestechung, oder mindestens «unrechtmäßige Einflüsse» durch den «Lobby-Filz». «Das Problem sind die versteckten Nebeneinkünfte der Parlamentarier», findet Reimann. «Hier werden Millionen eingesetzt, um Politiker gezielt zu beeinflussen.» (Zitate: BLICK vom 8.6.11). Die Verfassungsinitiative wird mittlerweile auch von der Parteileitung der einflussreichen Volkspartei (SVP) unterstützt und ist damit zu einem politisch relevanten und ernstzunehmenden Anliegen geworden.

Ein Schweizer Abgeordneter verdient pro Jahr ca. 100.000 Euro (Pauschale, Taggelder und Spesen) und investiert in der Regel mindestens 50% seiner Zeit in das Abgeordnetenmandat. Das in der Schweiz hochgehaltene und wertgeschätzte Milizprinzip impliziert, dass Schweizer Abgeordnete einer (Haupt-)Beschäftigung nachgehen und sich neben der Abgeordnetentätigkeit in Aufsichtsräten, Vereinen oder Stiftungen engagieren und dafür auch entschädigt werden.

Nachdem dieses Nebeneinander von Politik und Wirtschaft jahrzehntelang nur von linken Parteien und einzelnen NPOs kritisiert worden war, scheint nun eine mehrheitsfähige Forderung nach Transparenz ein neues Zeitalter in der Schweiz einzuläuten: Der vom etablierten Marktforscher gfs.Bern und der PR-Agentur Burson-Marsteller erstellte „Lobbying Survey Switzerland 2011“ zeigt auf, dass eine Mehrheit der Befragten der Meinung sind, dass Parlamentarier mehr Transparenz zeigen müssen, Lobbyisten akkreditiert werden sollten und zudem auch die Finanzen der bis heute privat finanzierten politischen Parteien transparenter werden müssen.

Zu Letzterem plant ein neu gegründeter „Verein zur Förderung von Bürgerinitiativen“ die Lancierung einer Parteispenden-Initiative. Sie will erreichen, dass Parteien Spenden von mehr als 10.000 Franken pro Jahr und pro Person offenlegt werden. Auch Zuwendungen für Wahl- und Abstimmungskampagnen sollen deklariert werden.

Anscheinend scheint sich ein neues Transparenzverständnis in der politischen Schweiz auszubreiten und man darf gespannt sein, ob dies nur Wahlkampfgetöse in Hinblick auf die Parlamentswahlen im Oktober ist oder eine längerfristige Tendenz darstellt.
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20.06.2011

NATO gewinnt Propaganda-Krieg gegen Gaddafi

Thomas Zimmerling


Der Kampf zwischen der NATO und dem Regime des libyschen Diktators Gaddafi findet nicht nur auf dem Schlachtfeld statt, sondern auch in den Medien. Für das Gelingen der NATO-Mission ist es essentiell, dass das Bündnis auch die Meinungs- und Deutungshoheit behält. Dabei scheint es, als habe das Bündnis aus anderen Konflikten, zum Beispiel Afghanistan, gelernt.

Die Propaganda des libyschen Regimes verfängt weitaus weniger als die der NATO. Gaddafi verfügt kaum noch über einen Apparat, der der NATO wirkungsvoll entgegentreten könnte. Geführte Journalistentouren zu Hospitälern, Einschlagskratern und Bomben sowie Beerdigungen angeblicher ziviler Opfer entpuppten sich schnell als Inszenierungen. Da wurden Raketenteile mit kyrillischen Schriftzeichen als NATO-Munition bezeichnet und Unfallopfer als Bombenopfer deklariert. Und auch Gaddafi selbst ist propagandistisch ein Totalausfall. Anfangs tauchte er zwar noch in Ton und Bild auf, mittlerweile ist seine Präsenz jedoch erheblich geringer geworden. Zudem taugen die Video- und Audiobotschaften Gaddafis aufgrund seiner offensichtlichen Verwirrtheit, wilden Gestik und derben Sprache eher zur Erheiterung als zur Gewinnung des Propagandakriegs.

Vollkommen anders sieht es hingegen auf Seiten der NATO aus. Die Kommunikation mit den Partnern, vor allem Frankreich und Großbritannien, ist gut abgestimmt und wenig widersprüchlich. NATO-Generalsekretär Rasmussen setzt gezielt verbale Stiche gegen das Gaddafi-Regime und trägt damit wesentlich zu Isolierung und Demoralisierung bei. Zugleich erstickt er Zweifel in den Reihen der NATO-Mitglieder, die sich nicht aktiv an der Überwachung der Flugverbotszone beteiligen. Dies geschieht beispielsweise durch umgehende Dementis von Gerüchten. Keiner der NATO-Vertreter weicht von der offiziellen Sprachregelung ab, dass die NATO nur die entsprechende UN-Sicherheitsratsresolution durchsetzt und darüber hinaus keine Aktionen – wie Schläge gegen Gaddafi persönlich – durchführt.

Ansonsten zeichnet die NATO vor allem seit Anfang Juni das Bild eines untergehenden Regimes. Die Botschaften: Gaddafis militärische Potenz ist halbiert, seine Kommandostrukturen sind zerstört, das Militär desertiert und ist demoralisiert, Minister und Beamte setzen sich ins Ausland ab. Mitte Juni dann folgten nochmals stärkere Botschaften: Gaddafis Terror gehe definitiv zu Ende, das sei nur eine Frage der Zeit. Es folgten die Verlängerung der Mission und eine Verstärkung der Angriffe (Helikopter als logische Ausweitung der Mission). Und selbst Skeptiker wie Russland spielten der NATO bei ihrem Agenda Setting in die Hände, als sie davor warnten, das Militärbündnis stehe einen Schritt vor dem Einsatz von Bodentruppen. Das bis dato stärkste Signal der NATO war dann der Aufruf an die UNO, sich Gedanken für die Organisation des libyschen Staatswesens nach dem Abtritt Gaddafis zu machen. Zu dem Zeitpunkt hatte Gaddafi der NATO propagandistisch schon nichts mehr entgegen zu setzen.

Wenn auf dem Schlachtfeld nichts mehr Nachteiliges passiert, hat die NATO den Propagandakrieg bereits heute gewonnen.

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24.05.2011

Wir sind keine Systemfeinde – es ist das System, das uns anfeindet

Markus Knöfler

Seit mehreren Tagen protestierten Tausende, vor allem junge, Menschen in Madrid auf dem zentralen Platz Puerta del Sol, und sie wollen ihre Demonstrationen noch mindestens eine Woche fortsetzen.

Das System, das vor allem vielen jungen Spaniern jegliche Zukunftshoffnungen zu nehmen scheint und gegen welches sie seit rund einer Woche mit hohem logistischem und organisatorischem Aufwand aufbegehren, ist eines der repräsentativen Demokratie. In diesem System geht sich offenbar ein relativer Wohlstand für alle Beteiligten und Mitspieler, wie immer ein solcher aussehen würde, nicht aus.

Die Protestbewegung wirkt sozial und ideologisch eher amorph. Ein wesentliches Charakteristikum dürfte sein, dass die Demonstrationen eben keiner politischen Grundeinstellung folgen und die offensichtliche Heterogenität der rebellierenden Masse vor allem der repräsentativen (Parteien)-Demokratie diametral entgegensteht. Einigkeit oder eine Art von Homogenität erzielt die meuternde Öffentlichkeit lediglich in ihrer Unzufriedenheit oder ihrer Indignation, also Empörung. (Die Protestierenden nennen sich „los indignados“, was sich wiederum auf das Buch „Indignez-vous“ des französischen Autors Stéphane Hessel bezieht

Insofern hat sowohl der konservative Partido Popular (PP) den Endzweck der Proteste nicht erkannt, wenn er einen Krieg innerhalb der Linken wittert, als auch der Vorsitzende der sozialistischen Partei PSOE José Luis Zapatero nicht, wenn er ausschließlich den Gebrauch des Wahlrechts als probates Mittel zur Veränderung empfiehlt. Beide Bekundungen entspringen den Eckpfeilern einer parlamentarischen Demokratie, gegen die sich die Protestbewegung ja gerade richtet.

Für das Betätigungsfeld von Public Affairs haben derartige Entwicklungen das Potential enormer Veränderungen.

Eine Verschiebung weg von repräsentativ demokratischen Strukturen nicht in Richtung diktatorischer Formen, sondern vielmehr in Richtung basisdemokratischer Gefüge einer gänzlich neuen Spielart, in eine gedachte und idealisierte Ordnung, in der, ohne anarchische Formationen, keiner herrscht oder alle herrschen und entscheiden. Eine Verschiebung also, die, zu Ende vorgestellt, absehbar den Einzelnen überfragt und überfordert.

Abgesehen von einem offensichtlichen Zunehmen des direkt-demokratischen Denkens in Einzelprojekten über ideologische Grenzen hinweg (z.B. Stuttgart 21), ist es für das Funktionieren von Public Affairs jedoch wesentlich, zu überblicken, wer Entscheidungsträger sind oder wer Stakeholder. In dem Moment, in dem sich Organisationsstrukturen dergestalt verändern, dass nicht mehr klar ist, an wen sich PA in einem Unternehmen, einem Verband oder in einem Staatsgebilde wenden soll, ist ein gründliches Umdenken gefordert.

Ob sich die Proteste und die damit verknüpfte idealtypische Veränderung als nachhaltig erweisen, wird sich zeigen. Der stellvertretende Direktor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, Günther Maihold, rechnet damit, dass die Wahl vom 22. Mai am Unmut der Demonstranten nichts geändert hat . Der PP hat bei diesem Urnengang dazugewonnen, der PSOE verloren. Da die Empörten vom herrschenden System aber gar keine Änderung erwarten, dürfte ihnen dieses Wahlergebnis ziemlich egal sein.

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18.04.2011

Die Gesellschaft hat Probleme, die die Politik nicht alleine lösen kann
Andreas Kovar
 
Wie viel Mitsprache vertragen Demokratien? Offensichtlich haben Politiker im linken wie rechten Parteienspektrum massive Vorbehalte gegen Partizipation. Die einen misstrauen bürgerlichem Engagement und politischen Protesten. Die anderen stellen das Recht von Unternehmerinnen und Unternehmern an der Meinungsbildung im Vorfeld politischer Entscheidungen in Frage. So bereicherten Politiker in Deutschland die Debatte um Wutbürger und Basisdemokratie mit der mehr als originellen Idee, dass Volksabstimmungen nur möglich sein sollten, wenn es danach ein Vetorecht der Regierenden gibt. Was Unternehmen betrifft, so offenbart die Debatte um Transparenz im Lobbying, die derzeit in Deutschland wie auch in Österreich geführt wird, ein vielfach merkwürdiges Verständnis von demokratischer Mitwirkung: Wirtschaftstreibende dürfen ihre Ideen und Erfahrungen dem Gesetzgeber nicht einfach so zur Verfügung stellen – nein, sie müssen erst einen Interessensverband gründen oder sich in ein (Lobbyisten-)Register eintragen, damit ihr offenbar gefährliches Engagement gezähmt werden kann. Das Ganze wäre ja noch kein Problem, wenn die Politik im schieren Überfluss der Ideen und praktischen Erfahrungen schwelgen könnte. Aber genau dort steckt ja das Problem: Die Problemlösungskompetenz der Politik hält nicht mit den Problemen der Gesellschaft Schritt. Wir sollten daher nicht über Restriktionen für politische Partizipation nachdenken, sondern viel eher neue Modelle entwickeln, wie wir die Kompetenz der Zivilgesellschaft – also schlicht das Alltagswissen der Betroffenen – zur Lösung unserer politischen Probleme heranziehen können. Dazu müssen wir das Rad nicht einmal neu erfinden. Es genügt, Instrumente wie Hearings und Enqueten, Konsultationsverfahren oder auch Ideensammlungen nach dem Vorbild der EU-Grünbücher gezielt einzusetzen und unsere demokratischen Prozesse entsprechend diesen Zielen weiter zu entwickeln. Denn eine zeitgemäße Demokratie braucht die Mitsprache der Gesellschaft.
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Ist die FPÖ in der Mitte angekommen?

Peter Hajek und Alexandra Siegl

Hätte Ende März 2011 eine Nationalratswahl stattgefunden, wäre die FPÖ auf Platz eins gelegen. Laut Sonntagsfrage im ATV/Hajek Österreich. Trend unter 1000 wahlberechtigten ÖsterreicherInnen hätte die FPÖ 29 Prozent erreicht, gefolgt von der SPÖ mit 26 und der ÖVP mit 25 Prozent. Der augenscheinlichste Grund dafür ist die große Unzufriedenheit mit der Regierung. So gaben fast 80 Prozent in selbiger Umfrage an, mit der Arbeit der Regierung unzufrieden zu sein. War die Bekämpfung der Wirtschaftskrise in der Zeit nach der Nationalratswahl noch gut aufgenommen worden, stieg der Unmut mit der offensichtlich aus Rücksicht auf die Landtagswahlen nach hinten verschobenen Budgetrede und erreichte spätestens bei der Präsentation des Sparpakets eine kritische Masse.

Hier hätten die Österreicher Einsparungen und Steuererhöhungen wohl zähneknirschend in Kauf genommen, wenn dafür auch der Staat seinerseits in großem Ausmaß eingespart hätte, beispielsweise über eine Verwaltungsreform. Dass jedoch nur der Bürger, nicht jedoch der Staat den Gürtel enger schnallen müsse, war den Österreicherinnen und Österreichern nur schwer zu vermitteln. Stockende Verhandlungen und gegenseitige Blockadepolitik in großen Bereichen wie Bildung, Pensionen, Gesundheit oder Wehrpflicht taten ihr übriges, und die „Reformunfähigkeit“ wurde zum medialen Selbstläufer. Das ganze dann noch garniert mit Korruptionsfällen, wie zuletzt Ernst Strasser - einfach für die FPÖ, könnte man sagen, sie muss nur abwarten, die frustrierten Wähler trudeln ganz automatisch ein. Doch ist das wirklich der einzige Grund?

Spätestens seit der Wiener Landtagswahl gibt sich Partei-Chef Strache auffallend moderat. Nicht länger vom Islam wird da gesprochen, sondern lediglich vom „Islamismus“, und auch nicht alle Ausländer werden kritisiert, sondern es wird zwischen den guten Ausländern, die hier arbeiten und Steuern zahlen und den schlechten Ausländern, die sich nicht integrieren wollen und unser Sozialsystem ausnützen, unterschieden. Die guten sind natürlich willkommen, nur die schlechten sind unerwünscht. Diese Unterscheidung diente bei der Wien-Wahl nicht nur der zielgerichteten Ansprache der zahlenmäßig großen Gruppe der Austro-Serben – man erinnere sich an die Plakate mit Strache samt serbischem Gebetsband am Handgelenk. Vor allem sollen mit Soft-Positionen à la „es gibt gute und schlechte Ausländer“ Wähler der politischen Mitte angesprochen werden.

Auch thematisch versucht die Partei, der immer wieder der Vorwurf der „Monothematik“ gemacht wurde, sich breiter aufzustellen. So wurden mit Zwischenkampagnen Themen in den Bereichen Arbeit & Soziales („Einkommen zum Auskommen“), Pensionen oder Familie gesetzt. Im Vergleich zu den Anfängen der Partei mit Heinz-Christian Strache nach der Spaltung ist die FPÖ also definitiv in Richtung Mitte gerückt, zumindest in ihrer Außendarstellung und in der Wahrnehmung seitens der WählerInnen.

Abzuwarten bleibt, ob Rechtsaußen-Gruppen innerparteilich wieder mehr an Gewicht bekommen oder ob die moderatere Positionierung längerfristig durchgehalten werden kann. Zudem stellt sich die Frage, ob der Abgang Josef Prölls in der Regierungsarbeit eine Zäsur darstellt, und inwieweit SPÖ und ÖVP in den nächsten beiden Jahren noch Reformen anschieben können. Die Führung der FPÖ ist also nicht in Stein gemeißelt. Derzeit kann die Partei aber zumindest in der politischen Mitte punkten.

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