Florian Busch-Janser
„Mal sehen, was danach kommt“ ist zurzeit sicher eine der beliebtesten Redewendungen im politischen Berlin. Die Zeitenwende, von der dieses „danach“ kündet – das ist die Zeit nach der Bundestagswahl. Am 27. September bekommen nicht nur Politiker vom Wähler die fristlose Kündigung in die Wahlurne gesteckt, sondern mit ihnen auch die unzähligen Politikberater: Angefangen von den Mitarbeitern in den Abgeordnetenbüros, Fraktionen und Ministerien über die Agenturvertreter, deren Jobs vom Auftrag eines Ministeriums abhängen, bis hin zu den Lobbyisten, deren wertvolle Kontakte bei einem Regierungswechsel womöglich völlig ihren Wert verlieren – ähnlich wie Aktien nach einem Börsencrash.
Lobbykonjunktur
Zwar gehört es inzwischen zur Professionalisierung der Branche, dass man auch über das eigene Lager hinaus Arbeitskontakte aufbaut, doch die wirklich belastbaren Kontakte finden sich meist nur in einer Partei. Übernimmt das eigene Lager Regierungsverantwortung hat der Lobbyist eine Hausse, gewinnen die anderen folgen der Baisse entweder harte oder sehr ruhige Jahre.
Aus diesem Grund werden aufmerksamen Touristen, die sich mit einem Apfelstrudel im Cafe Einstein UdL stärken, am Wahlsonntag sicher den einen oder anderen Anzugträger beobachten könne, der immer wieder nervös auf sein Handy starrt. Die Berliner Politikjunkies warten bereits in den Mittagsstunden auf die Exit Polls aus denen sie ihre Zukunft herauslesen können. Ob semi-legal per SMS und per Twitter-Feed - die Zahlen, die einige Stunden später als erste Hochrechnungen über die Bildschirme flimmern werden, sind Vorboten einer neuen oder alten Regierungskonstellation, die direkt Einfluss auf die Bedeutung einzelner Rädchen in der Lobby-Maschinerie nimmt.
Berliner Politkarussell
Die Spannung im politischen Berlin ist umso größer, da in den letzten Monaten das Personalkarussell gleich der Berliner S-Bahn gewartet wurde. Derzeit herrscht in Sachen Public Affairs und Regierungs-PR völliger Stillstand und nur selten gibt es Ersatzverkehr. Jeder Arbeitgeber wartet ab, was die Wahl bringt: Geht der millionenschwere Ministeriumsetat in wenigen Wochen an die Konkurrenz, die dem neuen Minister politisch näher steht? Auf dem Verschiebebahnhof wird in den nächsten Wochen Hochkonjunktur herrschen. Hier werden 10 Mitarbeiter entlassen – dort 10 eingestellt. Der Berater, der die letzten Monate verzweifelt auf der Suche nach einer „neuen Herausforderung“ war, ist plötzlich wieder gefragt und kann auch noch einen Gehaltaufschlag aushandeln, wenn er die notwendigen Kontakte mitbringt. Das Berliner Personalkarussell wird sich nach der Wahl sicher schneller wieder Fahrt aufnehmen als die Züge der Bahn-Tochter, und wie umfangreich der Personalwechsel nach diesem Zwischenstopp sein wird, entscheiden auch die Wähler.
Spannung bis zum Schluss
Doch selbst wenn die Exit-Polls oder auch spätere Hochrechnungen nach einer Fortsetzung der großen Koalition aussehen, so bleibt es spannend welche Entscheidung diese inzwischen sehr unberechenbare Spezies Wähler tatsächlich getroffen hat. Will man sich nicht wie einst Edmund Stoiber zu früh freuen, wird man sich vermutlich auf einen sehr langen Wahlabend einrichten müssen. Die Wahlstrategen im Konrad-Adenauer-Haus gehen von über 20 Überhangmandaten aus – die Kollegen im Willi Brand Haus befürchten sogar bis zu 25. So könnte sich schnell die große Koalition der proportionale Sitzverteilung durch die Listen in eine satte Schwarz-Gelbe Mehrheit verkehren.